Vor Ort, persönlich und mit eigenen Augen: Nur so bekommt man ein verlässliches und authentisches Bild von seinen Lieferanten, welches die regulären Audits und Zertifizierungen ergänzt. Denn Barnhouse legt nicht nur großen Wert auf 1a-Qualität - auch die ökologischen und sozialen Rahmenbedingungen müssen stimmen! Sina Nagl, Barnhouse-Gründerin, Geschäftsführerin und verantwortlich für den Einkauf unserer Rohstoffe, ist regelmäßig unterwegs zu unseren Partnern. Wie werden die Produkte angebaut? Von wem? Und unter welchen Bedingungen? Im November 2014 besuchte Sina unseren Haselnuss-Lieferanten in Aserbeidschan. Hier ist ihr Bericht:

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Vom ewigen Eis bis zum subtropischen Klima

 

Aserbeidschan ist in etwa so groß wie Österreich und hat 9,5 Mio Einwohner. Lage: zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer, im Norden begrenzt vom Kaukasus und Russland, im Süden vom Iran. Die Azeri sprechen Aserbeidschanisch. Auch mit modernem Türkisch oder Russisch käme man gut zurecht – leider spreche ich keine dieser Sprachen. Also funktioniert mal wieder die Körpersprache als universelle Verständigung – wir haben viel gelacht!

Hier herrschen perfekte Bedingungen für den biologischen Anbau: 11 Klimazonen, da wächst einfach alles, irgendwo. Sehr gut überlieferte „landwirtschaftliche Praxis“ bei gleichzeitiger Abwesenheit von Agrarchemie hilft ebenfalls. Es gibt viele fleißige Hände, die auf traditionelle Weise pflanzen, pflegen und ernten.

Die Infrastruktur fehlt allerdings noch – erst seit kurzem gibt es einige wenige Teerstraßen, die einzige Eisenbahnlinie fährt einspurig tagsüber Öltanks (meistens) und nachts die Menschen. So brauchen unsere Haselnüsse per LKW über 10 Tage, um zu uns zu kommen.

Gute 3.000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Mühldorf, Hauptstadt von Krunchy, und Baku, der Hauptstadt von Aserbeidschan.

Über den Wolken: Blick auf den beeindruckenden Kaukasus


 

Soziale Standards überprüft

 

Mein Thema war der Standard der Sozialsysteme in der Haselnussfabrik und bei den Pächtern der Plantagen. Dabei hilft mir die Checkliste der internationalen Standards SA 8000, deren Fragen mir alle zufriedenstellend beantwortet wurden.

Der Importeur, mit dem wir seit vielen Jahren zusammenarbeiten, Herr Eberhard Ortlieb, Bensheim, hat sich um die Entwicklung dieser Region sehr verdient gemacht. Er hat westliche Standards in der Verarbeitung verwirklichen dürfen. Seit 10 Jahren wird der Anbau und die Verarbeitung von der EU-Zertifizierungsstelle AGRECO (DE-ÖKO-012) jedes Jahr über mehrere Tage geprüft. Bei Fragen zu Problemen im kontrolliert biologischem Anbau hilft auch der Betriebsleiter der Firma Ortlieb, Viktor Hohenstein, der jährlich bis zu fünf Mal mehrere Tage vor Ort verbringt. Er spricht fließend russisch, wie auch die meisten Azeri, so dass die Zusammenarbeit möglich ist, die von beiden Seiten als gut bewertet wird.

 

 

Gemeinsam für soziale und ökologische Standards: Viktor Hohenstein (Ortlieb), Sina Nagl (Barnhouse), Mazahim Zeynalov und dessen Sohn (v.l.n.r.)

 

1. Station: Die Haselnussfabrik am Rande des Kaukasus

 

Wir treffen Herrn Hohenstein im Büro von Herrn Mazahim Zeynalov, dem Direktor der "Haselnuss-Knackfabrik". Gemeinsam erörterten wir meine vielen Fragen, die ich zur Stellung der Mitarbeiter und Pächter oder Eigentümer der Haselnussplantagen vorbereitet hatte.

 

Die Geschichte

Nach der Sowjetzeit verteilte die neue Regierung das Land an die ansässigen Bauern, die vor fast 100 Jahren enteignet worden waren. Jeder bekam die gleiche Fläche. Sie durften sie bebauen, verpachten oder verkaufen. Die ökologische Fabrik, die zu einer Familien-Holding gehört, arbeitet mit 10 Pächtern bzw. Eignern auf ca. 700 ha zusammen.

 

Das ganze Land wird kontrolliert ökologisch bewirtschaftet. Leider wird nur ca. ein Drittel der ökologisch angebauten Haselnüsse exportiert, der Rest wird lokal ohne Bio-Auslobung vermarktet. Öko und Bio sind noch nicht verankert in der Gesellschaft, obwohl das Interesse bei den wohlhabenderen Azeri wächst.

 

Stolz auf die guten Arbeitsbedingungen in seiner Fabrik: Mazahim Zyenalov, hier bei der Führung durch den Betrieb.

Nur die Besten kommen durch: Qualitätskontrolle der Nüsse

 

Alle eineinhalb Stunden gibt es Tee

Ich konnte mich persönlich davon überzeugen, dass gute Bedingungen für die Mitarbeiter gegeben sind. Es gibt geregelte Arbeitszeiten (40 h Woche), allerdings auf Saisonarbeit zugeschnittene Arbeitsverträge, da nicht das ganze Jahr die Nüsse verarbeitet werden können. Von Mai bis Oktober werden die Mitarbeiter freigestellt und finden meist als Erntehelfer Arbeit. Es gibt keine Kinderarbeit: Alle Kinder gehen in Ganztagsschulen, haben Schuluniformen und z.T. auch Verpflegung dort. Die ca. 100 Mitarbeiter der Haselnussfabrik bekommen ein kostenloses warmes Mittagessen. Nach jeweils 1,5 Stunden am Sichtungsband gibt es eine 15-minütige Teepause.

Das Lohnniveau ist nach Aussagen der Werksleitung weit über Mindestlohn (150 € / Monat) und liegt bei 500€ bis zu 1200€. Die Holding hat eine eigene Gewerkschaft, bei der alle Mitarbeiter Mitglied sind. Dies ist staatlich so auch vorgeschrieben. Der Vorsitzende wird von der Regierung eingesetzt. Jährlich gibt es Lohnrunden und es wird über Verbesserungen verhandelt: im guten Azeri-Stil – so lange bis es für alle passt! Übrigens werden alle Löhne und auch alle Sozialleistungen im Internet für jedermann einsehbar veröffentlicht.

Die Mitarbeiter machen einen zufriedenen Eindruck, die Umgebung zeigt den Wohlstand anhand vieler neugebauter Privathäuser und besserer Autos als in den Gegenden, die reine Landwirtschaft ohne Verarbeitung und Konservierung betreiben. Die Familienholding investiert kräftig. Warum hier? Die Ehefrau stammt aus dieser Gegend – und die Familie hat Verantwortung für diese Region übernommen.

 

Gut bezahlte Arbeitsplätze ermöglichen den Frauen der Region wirtschaftliche Sicherheit.

Verantwortung für die Arbeitnehmer: Das zeigt sich auch im Arbeitsumfeld, wie z.B. an den Sozialräumen.

Vorzeigeregion?

Meine Reise durch das schöne Land am Kaukasus zeigte, dass die Haselnussregion eine Ausnahme ist. Dort gibt es mehrere verarbeitende Betriebe (z.B. Fruchtsaft, Konserven, Backwaren) und die Azeris haben die Möglichkeit, Berufe zu erlernen und Geld zu verdienen. Es ist eine Industrialisierung im Gange, die aufgrund westlicher Einflüsse recht schnell auf ein hohes Niveau gekommen ist.

Außerhalb von Baku und der Ölindustrie, die fest in globaler Hand ist,  gibt es kaum Verarbeitung der Ressourcen des Landes. So werden heute fast allezu  verarbeitenden Konsumgüter importiert, und Lebensmittel und Rohstoffe exportiert, ohne die Wertschöpfung im Land zu halten. Das ist sehr schade, denn ich habe reiche Ernten von prallen Granatäpfeln, Pflaumen, Beeren, Äpfeln, Pilzen und Gemüse gesehen, sowie ausgezeichneten Azeri-Tee aus eigenen Plantagen genießen dürfen.

 

Noch ungenutztes Potential: Landwirtschaftliche Erzeugnisse in bester Qualität

Insofern ist die Haselnussfabrik eine bemerkenswerte Ausnahme. Die Chance des Absatzes in Deutschland wird als sehr wertvoll erachtet und hoch geschätzt. Auch deshalb, und aufgrund der stetigen Begleitung und Kontrolle, gepaart mit der überall spürbaren Offenheit und Freundlichkeit der Menschen dort, wurde mein Vertrauen in die ehrliche ökologische Qualität unserer Haselnüsse bestätigt.


2. Station: Die Haselnussplantage

 

Am nächsten Tag besuchen wir einen der 10 Pächter, Herrn Azizov I. Quabala, und sehen eine 150 ha große Haselnuss-Plantage. Im trüben Novembernebel ist leider der prachtvolle Kaukasus mit seinen über 4500 m hohen Gletschern nicht sichtbar. Wir sprechen mit Hilfe von Herrn Hohenstein als Übersetzer lange über die Arbeit eines Ökobauern in Aserbeidschan und merken, dass Herr Azizov aus Überzeugung die Tradition seiner Vorväter fortsetzt.

Er hat in Baku Agrarwesen studiert, sich die modernen Methoden des Haselnussanbaus gut angesehen und mit den überlieferten verglichen. Dabei kam er zu der Überzeugung, dass die „traditionelle Methode“ den Boden besser pflege, und die Insekten und andere Tiere „lieber da als dort“ wären. Das sei ihm wichtig. Schließlich wolle er seinen Hof auch mal seinen Kindern übergeben können.

Die Plantage weist einen hohen Mix an Beikräuter auf, die sicher noch nie Kunstdünger bekommen haben, sonst gäbe es einzelne hier gar nicht mehr. Die Sträucher sind ca. 3-4 m hoch und wirken gesund und gepflegt. Herr Azizov hat einen überdurchschnittlich hohen Ertrag von über 5 t / ha (normal 2-3 t) dort, wo er bewässern kann, und scheint sein Handwerk zu verstehen. Und er liebt, was er tut!

Die Haselnussernte streckt sich über ca. 6 Wochen von Ende August bis Oktober. Die Bäume werden geschüttelt. Was reif ist, fällt auf ausgelegte Planen und wird in Körbe gesammelt. Dafür kommen viele helfende Hände aus der Umgebung, die Zusammenarbeit funktioniert seit Jahren. „Natürlich gibt’s dann auch Kinderarbeit! “,  schmunzelt Herr Azizov mit Schalk in den Augen: Die älteren Schulkinder könnten es nicht erwarten, sich zum Ferienende noch etwas Taschengeld zu verdienen. Aber die Schule geht vor – das sehen wir an den Horden von Schülern aller Altersklassen, die uns einträchtig, meist Hand in Hand, in ihren Schuluniformen überall begegnen.

 

 

Organischer Dünger – frisch geliefert

 

In der Plantage sind gerade die Düngerlieferanten zu Gange: Für mehrere Wochen dürfen Schafherden durch die biologisch bewirtschafteten Haselnussplantagen ziehen. Ein Geben und Nehmen.

Vor dem Tor warten schon die nächsten Anwärter auf saftige Kräuter: Eine Herde kleiner Rinder darf auch noch hinein. Übrigens laufen diese Rinder hier wie in Indien überall auf der Straße herum – manche kommen wochenlang nicht in ihren Stall zurück und dennoch gehören sie zu einem Bauernhof. Jeder scheint das zu wissen – wie dieses System funktioniert, haben wir jedoch nicht herausgefunden! Typisch Azeri-Stil? Herr Azizov erklärt: "Streiten würde man sich deshalb nicht. Warum auch? Wenn beide Seiten vernünftig sind, kann man doch alles klären."

Zum Schluss lobte er die gute Zusammenarbeit mit dem Importeur, der deutschen Biofirma Ortlieb. Und er freue sich, mit Barnhouse auch mal einen direkten Verarbeiter seiner Haselnüsse zu Besuch zu haben. Zum Dank überreiche ich ihm unser Krunchy Zartbitter-Nuss. So finden einige seiner Nüsse wieder zurück zum Ursprung...

 

 

 

 

Die Schattenseiten konventioneller Monokultur sucht man vergeblich: Hier wachsen die guten Barnhouse-Haselnüsse.

Bio aus Tradition: Bewusster und schonender Umgang mit den Ressourcen ist hier selbstverständlich.

Aromatische Leckerbissen: Die Beikräuter in der Plantage sind bei den Schafen sehr beliebt.

Die nächsten Düngerlieferanten warten schon: Diese Rinder warten auf Einlass in die Plantage.

 

Pächter Azizov freut sich über ein Krunchy Zartbitter-Nuss mit Nüssen aus seiner Plantage..


Warum Haselnüsse aus Aserbeidschan?

Der Einkauf unserer Rohstoffe ist nicht immer einfach. Neben sehr guter und konstanter Qualität in 100% Bio ist auch eine gesicherte Lieferfähigkeit von großer Bedeutung. Und neben der Einhaltung ökologischer und sozialer Standards ist natürlich auch ein marktfähiger Preis wichtig.

Haselnüsse haben in der Inlandserzeugung lediglich eine lokale Bedeutung auf Selbstvermarkterebene. Die Hauptanbau- und Exportländer für Deutschland sind die Türkei, Italien, Spanien, Frankreich, Georgien und Aserbeidschan, wobei die Türkei mit ca. 80 % der Welternte (!) Hauptanbieter auf dem Weltmarkt ist.

Bei unserem aserbeidschanischen Lieferanten hat uns überzeugt, dass hier auf regionaler Ebene für die Menschen die so wichtige wirtschaftliche Basis zur Verfügung gestellt wird: mit fairer Bezahlung, guten Sozialstandards und sicheren Bedingungen. Gerade in politisch kritisch zu betrachtenden Ländern wie Aserbeidschan ist dies aus unserer Sicht ein wichtiger Beitrag zur weiteren Entwicklung - nicht nur des Öko-Landbaus, sondern auch des Lebensstandards der normalen Bevölkerung.