Ein kleiner Exkurs über biologisch-dynamische Pflanzenzüchtung

 

Züchtung und Saatgutproduktion, konventionell und biologisch. Wo sind hier genau die Unterschiede und Abgrenzungen? Das Thema ist wirklich gar nicht so einfach zu begreifen.

Wir haben deshalb Dr. rer. nat. Ben Schmehe vom Dotterfelderhof, Spezialist für biologisch-dynamische Haferzüchtung, nochmal ein paar neugierige Fragen gestellt...

Ben, was ist der Unterschied zwischen Züchtung und Saatgutvermehrung?

"Wir unterscheiden zwischen Züchtung und Saatgutvermehrung. Bisweilen wird umgangssprachlich die Saatgutvermehrung auch als Züchtung bezeichnet, was dann zu Mißverständnissen führt.
Ganz grob kann man sagen, dass bei der Züchtung etwas Neues ensteht, während bei der Saatgutvermehrung darauf geachtet werden muss, dass wieder das Gleiche herauskommt, was man ausgesät hat. Bei der Züchtung werden Sorten miteinander gekreuzt. Dadurch gibt es die Chance, dass neue Eigenschaften entstehen bzw. Kombinationen von Eigenschaften, die es vorher so noch nicht gab.
Die Saatgutvermehrung beginnt, wenn die Züchtungsarbeit vollendet und die Sorte zugelassen ist. Die Vermehrung erfolgt durch Aussaat und Ernte.

Was sind die Grundmerkmale von ökologischer Züchtung?

"Wir arbeiten von Anfang an auf ökologischen Flächen und selektieren unter ökologischen Bedingungen für den ökologischen Landbau. Die Sorten die dabei herauskommen, haben andere Eigenschaften als Sorten, die unter konventionellen Bedingungen gezüchtet wurden. Beim Hafer ist der Unterschied zwischen Ökosorten und konventionellen Sorten (noch) nicht so gewaltig. Beim Weizen fällt es aufgrund der Halmlänge sofort ins Auge."

Und was müssen wir uns nun genau unter „konventionellen Bedingungen" bei der Saatgutproduktion vorzustellen?

"Bei der konventionellen Vermehrung wird das Saatgut mit chemisch-synthetischen Mitteln gebeizt. Im Feld können diverse Spritzmittel zum Einsatz kommen (Halmverkürzer, Herbizide, Pestizide)."

Bei herkömmlichem Bio-Saatgut findet oftmals lediglich die letzte Vermehrungsstufe unter ökologischen Bedingungen statt. Wie sieht diese letzte Vermehrungsstufe aus?

"Der ökologische Saatgutvermehrer beantragt eine Genehmigung für die Produktion von Saatgut und darf daraufhin das konventionell hergestellte Saatgut ungebeizt vermehren und dann als Ökosaatgut an Landwirte verkaufen, also in Verkehr bringen."

Und wie ist das bei Eurem Hafer?

"Wir arbeiten ausschließlich unter biologisch-dynamischen Bedingungen gemäß den DEMETER-Richtlinien - von der Züchtung bis hin zur Saatgutvermehrung. Das ist bei Hafer mit Einschränkung weltweit einmalig, denn bei der Getreidezüchtung Darzau wird biologisch-dynamisch an Nackthafer gearbeitet."

 Was ist aber mit alten Hafersorten? Gibt es diese nicht mehr "unbelastet"?

" 'Alte Hafersorten' sind bei Genbanken erhältlich und werden hier und da auch noch von Landwirten selbst vermehrt. Dabei ist zu bedenken, dass auch die 'alten' Sorten, die heute noch anbauwürdig sind, normalerweise aus konventioneller Züchtung stammen. Die ganz alten Sorten, sogenannte Landsorten, sind nach unserer Erfahrung unter heutigen Bedingungen nicht geeignet. Sie gehen zu schnell ins Lager und haben einen zu geringen Ertrag. Nach der gängigen Definition gilt Saatgut als unbelastet, wenn es ein Jahr unter ökologischen Bedingungen angebaut wurde."

Und wie sieht es mit den Sorten aus, die Du ganz zu Anfang als Ausgangspunkt für Deine Züchtung verwendet hast? Sind diese auch noch nie mit „konventionellem Material“ in Berührung gekommen?

"In der Züchtung verwenden wir auch konventionelle Sorten als Kreuzungseltern, da diese gute agronomische Eigenschaften mitbringen. Am Beispiel des Hafer jedoch sind die meisten anfällig gegenüber Flugbrand, weshalb wir dann andere Sorten, z.B. die alten, einkreuzen, die diese Eigenschaft mitbringen. Im Grunde genommen bleibt uns gar keine andere Wahl, als konventionelle Sorten als Ausgangsmaterial zu verwenden, da es bislang kaum andere Ökozüchter gibt. Ich habe jetzt auf einer internationalen Hafertagung eine Ökozüchterin aus Kanada kennengelernt und diese züchtet hauptsächlich auch konventionell. Die Ökozüchtung ist nur eine kleine Sparte bei ihr.
Konventionelle Sorten würden wir als Ausgangsmaterial nur dann ablehnen, wenn sie gentechnisch verändert sind, was es bei Hafer zum Glück noch nicht gibt. Oder wenn es sich um sogenannte CMS-Hybride handelt. Dieses Verfahren ist hauptsächlich beim Gemüse ein Problem, weil die Züchter nicht unbedingt offenlegen, mit welcher Methode eine Sorte gezüchtet wurde, solange es nicht GVO ist.
Dies wird allerdings in Zukunft ein immer größeres Problem werden, da ständig neue Züchtungsmethoden entwickelt werden, die zwar nicht GVO sind, aber doch mit technischen Mitteln in die Gene eingreifen - was von DEMETER abgelehnt wird. Ein aktuelles Beispiel ist die Methode Crispr/Cas, die im Ökobereich derzeit kontrovers diskutiert wird. Das ist für uns Züchter eine permanent laufende Diskussion und wird nicht langweilig. Umso wichtiger ist es, eine eigenständige Ökozüchtung aufzubauen, damit wir in Zukunft noch eine echte Entscheidungsfreiheit bei den Sorten haben."

Ben, herzlichen Dank für Deine aufschlussreichen Antworten.